Cafe Palestine Freiburg e.V. ist ein politisch- kulturelles Forum, das über die Situation im Nahen Osten berichten, persönliche Schicksale vorstellen und namhafte Referenten zum Thema einladen möchte. Die kulturelle Vielfalt Palästinas soll durch kleine Konzerte, palästinensische Folklore, Literatur und Kunst gezeigt werden.

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Samstag, 5. März 2011

DIE NAMEN DER UNSCHULDIGEN, DIE GETÖTET WURDEN von VERA MACHT

März 2011


Dieser Artikel ist über Omar Maruf. Warum ist dieser eine Mensch so wichtig, wenn doch täglich Dutzende unschuldige Menschen sterben, überall auf dieser Welt? Warum ein Artikel über diesen Einen?

Omar Maruf wurde von einem Soldaten getötet, der schwer bewaffnet war, bestens ausgestattet mit allem, was die neuste westliche Militärindustrie zu bieten hat. Omar selbst trug alte, schmutzige Kleidung und war mit seinem Esel beim Steine sammeln. Es handelte sich bei Omar noch nicht einmal um einen sogenannten “Kollateralschaden”, der bei einem Militärangriff unglücklicherweise von einer fehlgeleiteten Kugel oder Bombe getroffen wurde. In unseren modernen Kriegen, in denen angeblich alles präzise kalkulierbar ist, befindet sich dennoch immer wieder jemand zur falschen Zeit am falschen Ort.

Aber dieses Mal war es nicht so. Nein! Ein junger Soldat, schwer bewaffnet und bestens ausgerüstet, hat auf Omar, der mit ärmlicher Kleidung und Steinen in der Hand dastand, gezielt und beschlossen, ihn zu erschießen. Ein junger Soldat verspürte an einem sonnigen Wintermorgen das Bedürfnis, einen Menschen seines Alters zu töten. Vielleicht war das Leben Omars in seinen Augen nicht wichtig genug und der Soldat wusste, dass diese Tat für ihn nie irgendwelche Konsequenzen haben würde, dass er sich niemals dafür würde rechtfertigen müssen. Weil Omar ein Palästinenser war, der keine Rechte hat, dessen Leben nicht zählt.

Dieser Artikel handelt von Omar Maruf, weil sein Leben doch zählt. Weil sein Tod Entrüstung und die Forderung nach Gerechtigkeit verdient. Weil ich in die stummen Gesichter der trauernden Brüder Omars gesehen habe, weil ich seinen Cousins zugehört habe, die aus Wut und Hilflosigkeit immer mehr redeten. Wie man denn einfach einen jungen Menschen ermorden kann, haben sie mich gefragt. Wie es sein kann, dass der israelische Soldat nicht verklagt wird, dass es keine Gerechtigkeit gibt, dass es niemanden interessiert. Warum man Menschen wie sie, warum man Palästinenser einfach erschießen kann. Warum niemand etwas tut. Warum keine Regierung dieser Welt ihnen zu Hilfe kommt, wenn die israelische Regierung davon überzeugt ist, dass internationales Recht für sie nicht gilt.

Hier ist sie also die Geschichte des Todes von Omar Maruf. Zwanzig Jahre war er alt, Vater eines zwei Jahre alten Sohnes. “Geh nicht zunahe zur Grenze, das ist zu gefährlich”, hatte sein Cousin Talal ihn vorher gewarnt. Er hätte keine Wahl war Omar´s Antwort. Er hätte einen Sohn, der Essen braucht. Also ging er zur Grenze, um Steine zu sammeln. Es war 9:30 Uhr am Morgen des 28. Februar 2011. Talal war ungefähr 700 Meter von der Grenze entfernt auf seinem eigenen Land. Omar befand sich in 400 Metern Entfernung, als die israelischen Soldaten das Feuer eröffneten. Er war außerhalb der sogenannten Pufferzone, dem 300 Meter breiten Landstrich entlang der Grenze zu Israel, dessen Betreten das israelische Militär unter Todesandrohung verboten hat. Man kann darüber diskutieren, ob es rechtmäßig ist, offiziell zu erklären, man würde alle Zivilisten des Nachbarstaates erschießen, die sich auf ihrem eigenen Ackerland nahe der Grenze befinden. Aber das braucht man gar nicht. Omar war hundert Meter von der Pufferzone entfernt.

Talal konnte Omar von seinem Standpunkt aus nicht sehen, er wusste nicht, was mit ihm geschehen war, ob die Schüsse der Soldaten ihn getroffen hatten. Sie schossen mehrere Salven. Mit der letzten Salve erschossen sie den Esel. Talal konnte sehen, wie er starb. Warum bloß den Esel, fragt man sich. Eine so sinnlose zusätzliche Grausamkeit. Doch da wusste Talal noch nicht, was mit Omar geschehen war. Kurz darauf brachen zwei Bulldozer und ein Panzer in das Land ein, es war Talal unmöglich, näher zu kommen. Auch der Krankenwagen des Roten Kreuzes, den er gerufen hatte, erhielt selbst nach Rücksprache mit der israelischen Seite keine Erlaubnis, sich dem Eselskarren zu nähern. Die Bulldozer begannen, rund um den Karren mit dem toten Esel einen Graben zu schaufeln, fast einen halben Kilometer entfernt vom Territorium ihres eigenen Staates. Warum, fragt man sich. Warum bloß schaufelten sie einen Graben um den Eselskarren? Kurz darauf beobachtete Talal aus sicherer Entfernung, wie der leblose Körper Omars in den Panzer gebracht wurde. Wieder frägt man sich „Warum?“ Warum nur nahmen sie Omar mit sich? Vielleicht wollten sie ihn behandeln, überlegte Talal. Behandeln? Zwei Stunden lang versuchten die Sanitäter des Roten Kreuzes herauszufinden, was mit Omar geschehen war, wo er sich befand, ob er noch lebte. Vergeblich. Schließlich bekamen die Sanitäter einen Anruf des Krankenhauses von Gaza Stadt: Ein Körper war durch den israelischen Grenzübergang Erez hineingebracht worden, Omar war tot.

„Was dachten sich denn die Soldaten bloß, als sie auf ihn schossen?“, fragt mich sein Cousin. „Dachten sie er würde irgendeine Gefahr darstellen? Er hat doch nicht einmal Geld, um Milch für sein Kind zu kaufen. Dachten sie, er hätte Geld für eine Waffe? Dachten sie, er hätte einen Panzer?“ Als ob ich eine Antwort hätte. Doch was mich weiter beschäftigt ist die Frage, warum die Soldaten ihn mitgenommen haben. Die Familie ist davon überzeugt, dass sie ihm helfen wollten. Ich frage einen seiner Brüder, ob Spuren von medizinischer Behandlung an seinem Körper sichtbar waren. Er schüttelt den Kopf. „Nein“, antwortet er, „ich habe seinen Körper gesehen. Da waren keine Einstichstellen einer Infusion, kein Verband. Die Kugel war auf der linken Seite seines Körpers eingetreten und auf der anderen wieder herausgekommen.“ Eine Dumdum-Kugel, die größtmöglichen Schaden hinterlässt.

Geschosse, die im Inneren des Körpers explodieren sind laut Genfer Konvention 1889, Artikel 3, verboten. Ich erwähne nicht, dass das Benutzen solcher Geschosse kaum zu der Annahme passt, die Soldaten hätten helfen wollen. Vielleicht ist der Gedanke einfach zu beruhigend, dass einer von ihnen den verletzen Omar tatsächlich als Menschen wahrgenommen hat, der Hilfe brauchte.

Doch etwas war an Omar verändert worden. Als sein toter Körper im Krankenhaus ankam, klebte ein Zettel auf seiner Brust. „Terrorist“ stand darauf.

Omar Maruf ist der achte Zivilist, der in den letzten beiden Monaten in der Pufferzone erschossen wurde. Seit Beginn letzten Jahres wurden weit über 100 Arbeiter und Bauern von israelischen Scharfschützen in der Pufferzone angeschossen, 18 davon starben.

Samstag, 12. Februar 2011

GAZA´S FORGOTTEN CHILDREN by VERA MACHT


On a sunny day in March 2009, Wafaa Jehad Elnagar, now 17 years old, did something that millions of children did on that day, and do on every day: she went home from school. But unlike other children in this world who do that safely every day, for Wafaa walking home is a serious danger. On that day, when she was on her usual way home along a street watched over by an Israeli control tower, an Israeli sniper aimed at her, and the bullet smashed her knee for good. Wafaa is one of 89 000 children living in the buffer zone whose parents never know exactly whether or when they will see their children again when they send them to school in the morning. Her brother was shot dead by a soldier during the war, while on his way home. The letters that were dropped by Israeli planes on the houses near the border stated that no one is allowed to approach the area nearer then 300 meters, on threat of death. Since bullets don’t have a feeling for distances, the high risk zone is considered 500 meters by the UN, and in reality children get hit by bullets at much further distances. And how can you avoid an area in which your school is situated? In total, there are thirteen schools in the buffer zone, including one UNRWA school, and they are distributed in seven school buildings. Space is scarce for students in Gaza, where not even the UN gets the required entry permits for enough concrete to build urgently needed school buildings.
Almost every day the Israeli army breaks into the land of Gaza to flatten ground which can be no more flattened, always accompanied by arbitrary shooting in the area. The Shuhada’ School in Khuza'a, in southern Gaza, is the last building before the high security border. In between are only a few hundred meters barren, flat land. "They have a clear view to the school. It’s obvious for the soldiers in the tanks that this is a school, there's even the UN flag on top of the building," says the headmistress of the school, Myasser Mahmoud Elsalhy. "When they start shooting in this area, the school must be the target for them. During these shootings, we can’t let the children enter the playground, we can’t even let them go to the upper floors of the school. Or we have to finish classes for that day. Generally, there are no extra-curriculum activities we can offer for our students, there is no outdoor sport, no celebrations. These things would be dangerous for all of us." But the school makes the most of it. It has recently opened an exhibition - displaying all the bullets and shrapnel they have found in the last year alone on the school grounds. Asking the students how it is to attend a school that is under attack every day, you first encounter an anxious silence, but when the girls begin to speak, it doesn’t take long until the first of them starts crying. "We are constantly afraid," says Heba, her yet unveiled
black hair tied together with a blue ribbon, matching the color of her school uniform. "Every time we hear bombs or artillery shells, we hide in a place far from the windows, where we can’t hear or see anything, and wonder whether the war has started again. My family also lives close to the border, and one night soldiers broke down our door, stormed in and dragged my father out, where he had to stay for a while. We never found out why." Her teacher tells how she entered a classroom one day, and found the students lying on the floor, the teacher above, trying to protect them. And she tells how one morning in 2009 the students of a class were not quick enough to hide, and a boy was hit by the shrapnel of an artillery shell while sitting at his table and writing. The shrapnel went through his nose, some centimeters further to the right and he would have been dead. The ambulance from the Red Cross didn’t come to the school to help – it is too dangerous for the paramedics, according to their security guidelines. The area is also too dangerous for employees of international humanitarian aid organizations who are allowed to approach the border only up to 1000m, according to the UNDP security plan. Without previous coordination with the Israeli military, they can’t even go nearer in armored vehicles. For school children however, the area doesn’t seem to be considered as too dangerous. At the last education cluster meeting of international NGOs, which took place in Gaza city, schools in the buffer zone had been declared to be "not a priority" for humanitarian aid programs. This was the only thing that an employee of Save The Children International was allowed to say publicly about the buffer zone. "I personally regret these rules, but I am not allowed to speak about schools or children in the buffer zone", he says. "We cannot enter the buffer zone, and therefore we don’t work there. My hands are tied." Not all children seem entitled to be saved. Asking the UN, which after all also runs a school there, you get the same answer, and are only pointed to the recent UN report in which the problems of children who grow up under these circumstances, however, are not mentioned at all.
The headmistress of another school in the border area, situated in Bait Hanoun in northern Gaza, tells how organizations make appointments with her to visit the school, only to cancel at the last moment. They cancel because of fear of another incursion, because of failed coordination with the Israeli side, or maybe because none of the employees wants to put himself in such danger. "Workers from UNICEF have also announced themselves, yet no one has come," says the elderly woman, headmistress of a school whose walls are perforated by bullets and artillery shells. "We just want someone to coordinate with the Israeli military that during school hours they won’t shoot around the school building. But nobody does anything to help us." She sounds resigned. And so Aburjela Sabah from the small local NGO "House of Future" is quite alone with her work as a psychologist for the children of Kuza'a’s buffer zone. "The constant fear for their lives and health in which children in the buffer zone are living leads to serious psychological problems," she explains. "When you grow up here, you don’t have a
childhood. You have no normality, no peace, and not the basic feeling of security that children are in crucial need of. Children there have no rights, not the right to free education, not the right to play, not even the right to life. They can’t leave their house without putting themselves in danger“. She describes the cases of children playing around their house and running into shells left behind by the Israeli military. “They pick them up, not knowing what it is, and get their hands blown off, or even sustain fatal injuries“, Sabah says. “And at night the children hear the noise of the bullets. The results of these living conditions are sleeping problems, depression, or bedwetting, just to mention some of the psychological disorders. They start to exhibit aggressive behavior amongst each other or don’t want to leave their house at all anymore”. "We, the children here in the buffer zone," says Heba, the black-haired girl with the blue ribbon from Khuza’a’s school, "we carry our souls unprotected on our hands."


 by VERA MACHT

Mittwoch, 19. Januar 2011

WENN DAS MEER NICHT WÄRE von VERA MACHT 19.1.11

Wenn das Meer nicht wäre.


„Wie hast du deinen Urlaub verbracht?“, ist hier in Gaza eine etwas taktlose Frage. Wie soll man ihn schon verbracht haben, hier auf den 40 mal fünf Kilometern, in denen eineinhalb Millionen Menschen auf dem dichtbesiedelsten Landstrich dieser Erde eingepfercht sind, ohne jegliche Möglichkeit diesen zu verlassen. Hier gibt es kaum eine Möglichkeit, seinen Urlaub zu verbringen. Urlaub ist daher eins der rarsten Gesprächsthemen in Gaza. Glücklich ist, wer überhaupt welchen hat, denn das bedeutet, dass man Arbeit hat, die genauso rar ist, bei einer Arbeitslosigkeit, die seit der Blockade des Gazastreifens bei 45% liegt. Wenn man also Urlaub hat, theoretisch, ist man nicht unbedingt erpicht darauf, sich diesen auch zu nehmen. Wo soll man denn auch hin? Den Streifen verlassen kann man sowieso nicht, und hier in Gaza gibt es keinen Ort, der nicht überfüllt ist mit Menschen, mit Dreck und Lärm. Dass man das Thema Urlaub besser nicht erwähnt, lernt man schnell, hier in Gaza.

Aber Gaza liegt am Meer. Und wenn das Meer nicht wäre, gäbe es keinen Ort, an den man an einem freien Tag oder einem Sommerabend mit seiner Familie oder Freunden gehen könnte. Aber da es das Meer gibt, kann man einen Pichnickkorb packen, den Grill, im Sommer die Badesachen, und man kann sich einen Moment vorstellen, das Leben wäre normal und frei, ohne täglichen Terror, und man verbringt einen Tag am Meer, als ob man alle Möglichkeiten hätte.

Man sollte sich jedoch keine Illusionen darüber machen, dass der Strand des Gazastreifens ein schöner Ort wäre. Knapp 40 Kilometer Strand hat Gaza, wo eineinhalb Millionen Menschen eingesperrt leben. Und sie alle beschließen, von Zeit zu Zeit, so zu tun als ob sie frei wären, alle Möglichkeiten hätten und nichts lieber tun würden, als einen Tag am Strand zu verbringen, mit ihrer Familie oder ihren Freunden, und grillen, vielleicht. Oder sich an einem Winternachmittag in warme Jacken zu hüllen, sich von Wellen und Seeluft umgeben lassen, um dem Lärm der Generatoren zu entfliehen.

Der Strand ist somit, wie der Rest von Gaza, überfüllt. Er ist dreckig und er ist laut. Auch ins Wasser geht man lieber nicht hinein, da die nötigen Dinge, die man für Kläranlagen braucht, von Israel zu möglichen Terrorobjekten erklärt wurden, und deren Einfuhr deshalb verboten ist. Millionen von Litern Abwasser fließen deshalb täglich in Gazas Meer. Aber da ist das Meer. Wenn das Meer nicht wäre.

Man sollte sich auch keine Illusionen darüber machen, dass die Menschen Gazas am Strand sicher wären, dass ihr Leben dort weniger in Gefahr wäre als an jedem anderen Ort des Gazastreifens, zu jedem anderen Zeitpunkt.

Im Jahre 2006 verbrachte die 11jährige Huda Ghalia mit ihrer Familie einen Nachmittag in der vermeintlichen Idylle, bei einem Picknick. Wofür auch immer diese Familie mit einer Decke voller Essen und spielenden Kindern von israelischen Soldaten gehalten wurde, der Strand wurde von einem Kriegsschiff mit acht Artilleriekugeln getroffen, die nahe der Familie explodierten. Huda Ghalia war die einzige Überlebende , alle anderen neun Familienmitglieder starben, mehr als 30 weitere Menschen in der Nähe wurden verletzt. Eines der schlimmsten Verbrechen, das an Gaza´s Strand jemals verübt wurde, aber bestimmt nicht das einzige. All dies hat man durchaus im Hinterkopf, wenn man dort sitzt, die Füße im Sand.

Aber sicher ist man in Gaza nirgendwo, und somit hält das die Menschen bestimmt nicht davon ab, zum Meer zu gehen und zu versuchen den Terror zu vergessen, für einen Tag oder zumindest ein paar Stunden.

Was das Meer Gaza´s so bedeuted macht, ist nicht wirklich die Tatsache, dass es die enzige Möglichkeit zur Erholung bietet. Das Meer Gaza´s ist die einzige Möglichkeit, die die Menschen zum Träumen haben. Das weiß jeder, der schon einmal abends dort am Strand saß, die Sonne blutrot im Wasser untergehen sah und auf einmal wieder wusste, dass es Schönheit gibt auf dieser Welt.

Wenn man dort sitzt, und aufs Meer hinausblickt, und die kleinen hölzernen Fischerboote nahe am Strand sieht und weiter draußen Lichter auf dem Meer, dann denkt man nicht daran, dass diese Lichter von israelischen Kriegsschiffen stammen. Dann denkt man nicht daran, dass man diese kleinen Fischerboote deshalb so gut sieht, weil sie nicht weiter hinausfahren können, ohne in Gefahr zu geraten, von den Soldaten auf den israelischen Kriegsschiffen erschossen zu werden, und dass sie nicht näher zum Strand kommen können, ohne ihren Lebensunterhalt vollends zu verlieren. Man denkt nicht an das bilaterale Osloabkommen, bei dem den Fischern Gazas 20 Seemeilen zugesprochen wurden, die später unilateral erst auf 6 und dann auf drei Seeemeilen beschränkt wurden. Man denkt nicht an die Familie, die man besucht hat und deren 19jähriger Sohn in einer Entfernung von 2,5 Seemeilen beim Fischen erschossen wurde. Nicht an die Fälle der letzten Zeit, bei denen Fischer auf dem Meer entführt wurden und in Handschellen auf dem nassen Boden ihres Bootes liegend in israelische Gefängnisse zum Verhör gebracht wurden. Dort sollten sie auf Fotos, die detailgetreu von Drohnen aufgenommen worden waren, ihr Haus zeigen und den Hafen beschreiben. Nach Tagen wurden sie zurück geschickt ohne ihr Boot und somit ohne Zukunft. Aber daran denkt man in diesem Moment nicht.

Nein, man sitzt am Strand und sieht der blutroten Sonne zu, wie sie im Meer untergeht, und grüßt die in der Nähe stehenden Fischer, die man schon kennt. Die Fischer, die ihre Netze am Ufer ausgeworfen haben, oder die mit einer Angelrute dort stehen. Man freut sich mit ihnen, wenn sie etwas gefangen haben, denn das kommt nicht oft vor, und nun hat die Familie etwas zum Essen. Man hofft vielleicht, dass man sie nicht im Krankenhaus wieder sieht, nachdem ihnen von israelischen Soldaten ins Bein geschossen wurde, weil sie zu nah an der Grenze standen.

Aber eigentlich ist es viel zu schön, nur dort zu sitzen und ihnen zuzuschauen, wie sie ihre Netze auswerfen in der Abenddämmerung, während man den selbst im Winter leicht warmen Sand unter seinen Füßen spürt.

Warum das Meer so besonders ist, hier in Gaza, liegt vielleicht noch nicht einmal daran, dass man, wenn man dort sitzt und den brechenden Wellen zusieht, an die Schönheit dieser Welt erinnert wird. Das Besondere an Gazas Meer ist, dass man den Horizont sehen kann. Den Horizont, der einen an das Gefühl von Freiheit erinnert, das man hier schon fast vergessen hat. Das die jungen Menschen Gazas gar nicht mehr zu hoffen wagen jemals zu haben, weil sie es nie gekannt haben.

Dort am Meer sieht man keine Grenzen, keine Mauern und keine Schießtürme, wie in jeder anderen Himmelsrichtung, sondern nur unendliche Weite. Man hat das Gefühl, endlich wieder atmen zu können, anstatt in der Enge und Überfülltheit langsam zu ersticken, und sieht, dass die Welt mehr ist als ein kleiner Streifen von Terror, Gewalt und Angst. Nein, wenn man dort sitzt und den Horizont sieht, dann fängt man wieder an, von Freiheit zu träumen. Dann kann man sich vorstellen, wie ein

Vogel über dieses unendliche Wasser zu fliegen, zu fernen Ländern die man vielleicht nie sehen können wird, aber man kann daran glauben, in diesem Moment.

Dass die Menschen Gazas noch träumen können, zeigt dieser wunderschöne Text einer jungen Palästinenserin, zu finden unter http://fidaa.me/?p=136

Vera Macht lebt und arbeitet seit April 2010 in Gaza. Sie ist Friedensaktivistin und berichtet über den täglichen Überlebenskampf der Menschen im Gazastreifen (Vera.Macht@uni-jena.de)

IF THERE WASN´T THE SEA by VERA MACHT 19.1.11

If there wasn’t the sea. "How did you spend your vacations?" In Gaza this is a somewhat tactless question. How should it be spent, here in the 40 by five kilometers where one and a half million people are cooped up on the most densely populated strip of land on earth, without any possibility to leave. Here are not many ways to spend your vacation. Vacations are thus one of the rarest topics of discussion here in Gaza. Lucky is the one who has some, because it means that he has work, which is rare as well, with unemployment reaching up to 45% since the blockade. So if you have vacations, in theory, then it doesn’t mean you’re also keen on taking them, where should you go after all, you can’t leave anyway, and here in Gaza there is no place that is not crowded with people, with dirt, and with noise. So its better not to mention vacations, something you learn quickly here in Gaza.


But in Gaza there is the sea. And if there wasn’t the sea, then there would be no place you could go with your family, your friends, on a winter day or a summer evening. But there is the sea, so you can pack a picnic basket, or a barbecue or your swimsuit in the summer, imagining for a moment that your life is normal and free, without daily terror, poverty, or so many lost dreams for the future. You can spend a day at the sea as if you had a normal life of hope, comfort, dignity and pleasure.

However, you should not cherish the illusion that the beach of Gaza would be a nice place. There are about 40 kilometers of beach in Gaza, for one and a half million people living locked up, which all decide, from time to time, that they are free, with all of the expectations of life, but would like nothing better than to spend a day at the beach with family and friends, a barbecue maybe. Or a winter afternoon, wrapped in a warm jacket, but surrounded by waves and sea air, and not by the noise of the generators. The beach is therefore not so much different from the rest of Gaza, it’s crowded, it’s dirty and it’s loud. And you’re reluctant to enter the water, because the things you need for sewage treatment plants have been declared possible terrorist objects by Israel, so their imports are prohibited. Which means millions of liters of sewage flow daily into Gaza’s sea. But there is the sea. If there wasn’t the sea.

You should also not cherish the illusion that the people of Gaza were safer on the beach, that their lives would be less in danger there than at any other place of Gaza, or at any other time. In 2006, the 11 year old Huda Ghalia and her family spent an afternoon there, having a picnic. Why ever a family with a blanket full of food and playing children was targeted by Israeli soldiers , they hit the beach from their war ship with eight artillery bombs that exploded close to the family. Huda Ghalia was the only survivor of her family, all the other nine people died and around over 30 were wounded. One of the worst crimes that happened at Gaza’s beach, but certainly not the only one. And that is on your mind when you sit there, your feet in the sand. But there are no safe places in Gaza, so this certainly doesn’t stop the people from going to the sea, any attempt to forget the terror, for a day, or at least for a few hours.

But what makes the sea of Gaza so significant is not really that it offers the only leisure activity. The sea of Gaza is the only option that people have to dream. Anyone who has ever sat there on the beach one evening, watching the blood red sun sinking down into the water knew once again that

there is beauty in this world. When you sit there and look out to the sea, and watch the small wooden fishing boats near to the beach, and farther out the lights on the sea, then you don’t think about the fact that these lights are from Israeli warships. Then you don’t think about the fact that you can watch these little fishing boats so well because they can’t go out further without getting in danger of being shot by the soldiers on these warships, and that they can’t get closer to the beach without losing their livelihood completely. You don’t think of the bilateral Oslo agreement in which the fishermen of Gaza were granted 20 nautical miles to fish in, or the fact it was unilaterally reduced to six, and since 2008 has been limited to only three nautical miles. Nor of the family you have visited, whose 19 year old son was shot at 2.5 nautical miles while fishing. Or of the many fishermen recently kidnapped at sea, forced to lie handcuffed on the wet floor of their boats and brought into Israeli prisons for interrogation. There they had to point at their house on photographs from Gaza, taken in detail by a drone, and describe the port. They were sent back after days without their boat, and thus without a future. But even that you can forget, for this moment.

You sit on the beach and watch the blood-red sun as it sets into the sea, and greet the fishermen around who already know you. The fishermen who have cast their nets on the shore, or are there with a fishing rod, and you can share their happiness when they’ve caught something, which is not very often, and now the family has something to eat. You hope, perhaps, that you won’t see them again in the hospital when they were shot in the leg by Israeli soldiers because they were standing too close to the border. But actually it's much too beautiful just to sit there and watch them, as they cast their nets at dusk, while you can feel slightly warm sand under your feet, even in winter.

But why the sea is so special, here in Gaza, is perhaps not even the feeling as you are sitting there watching the waves breaking, reminding you of the beauty of this world. The significance of the sea in Gaza is that you can see the horizon. The horizon, which recalls the feeling of freedom that you had almost forgotten here. Which the young people of Gaza don’t dare to hope ever to have because they have never known it. But there on the ocean unlike every other frontier, you see no borders, no walls and no gun towers, but infinite space. You have the feeling that you can finally breathe again, instead of suffocating slowly in this narrow and crowded place, and you realize that the world is more than a small strip of terror, violence and fear. Yes, when you sit there and see the horizon, you start once again to dream of freedom. In your thoughts, you fly then like a bird above this endless water to distant countries, which you perhaps will never see, but can imagine, in this moment.

That the people of Gaza still dream is manifested in this beautiful text of a young Palestinian woman, to be found at http://fidaa.me/?p=136

Vera Macht lives and works in Gaza since April 2010. She is a peace activist and reports about people´s daily struggle in Gaza (Vera.Macht@uni-jena.de)

AMJAD, DAS NÄCHSTE OPFER IN GAZA´S PUFFER-ZONE von VERA MACHT 19.1.11

Acht Tage hat es gedauert. Acht Tage seitdem der letzte Unschuldige hier gestorben ist. Man sieht die Menschen hier sterben, einen nach dem anderen, wie sie getötet werden, einer nach dem anderen, ohne Folgen, ohne Gerechtigkeit, ohne einen Aufschrei in den Medien. Unschuldige Menschen, die nie etwas anderes verbrochen haben, als zu versuchen sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Zivilisten. Palästinensiche Zivilisten, deren Leben nicht mehr wert zu sein scheint als einen Eintrag in die Statistik. Und man fühlt sich als wären seine Hände gebunden. “Das ist es also was ich tun kann: Ich registriere sie in meinem Notebook. Es ist registriert, und dort ist eine leere Stelle nach Shaban’s Name. Für diejenigen, die sie morgen töten werden.“, so schrieb der amerikanische Journalist Max Ajl nachdem er 65-jährige Schäfer Shaban Karmout ermordet wurde. Acht Tage hat es gedauert, und die Stelle wurde gefüllt. Amjad ElZaaneen, 18 Jahre alt, starb heute. Zu jung, zu früh, zu sinnlos, zu viele Namen auf unseren Laptops. Amjad sammelte am 18.1.11, wie an jedem Morgen, Steine mit seinen drei Cousins und seinem Bruder. Der Jüngste von ihnen war elf. Fünf Jungs, Kinder, mit einem Pferd und einem Anhänger voller Steine, ungefähr 300 m von der Grenze zu Israel entfernt, und in der Nähe des Dorfes Bait Hanoun. Sie hatten ihren Karren gerade vollgeladen, als sie sahen, wie israelische Panzer und Bulldozer in das Land einbrachen, warum, wer weiß das schon. Sie rannten um ihr Leben, erfolgreich, sie kamen wohlbehalten zu Hause an. Doch das Pferd war schließlich noch da. Und die ganzen Steine, die sie mühsam gesammelt hatten, für die sie ihr Leben riskiert hatten, um für diesen Tag etwas Einkommen zu haben, und für den nächsten vielleicht auch. Wer weiß schon, ob die Situation dann nicht noch gefährlicher sein würde. Also gingen sie zurück, als sie dachten, dass sich die Lage beruhigt und sich die Panzer und Bulldozer von Gazas Land zurückgezogen hätten, nachdem sie es zum Hundertsten Mal plattgewalzt hatten, warum, wer weiß das schon. Doch als sie bei ihrem Pferd ankamen und es gerade wieder mit nach Hause mitnehmen wollten, feuerten israelische Soldaten eine Granate auf sie, und Sharaf Raafat Shada ,19 wurde in der Brust getroffen. Amjad, der nun älteste, versuchte ihn wegzuziehen, ihn auf den Karren zu legen, um ihn irgendwie ins Krankenhaus zu bringen, doch Sharaf war zu schwer für ihn. Also fasste Amjad den Entschluss, zu versuchen nach Bait Hanoun zu kommen, um irgendwie Hilfe zu holen. Er war nicht weit gekommen, als ihn eine Granate direkt in den Bauch traf und eine so große Wunde hinterließ, dass er innerhalb von Minuten verblutete.


Die Jugendlichen brachen in Panik aus und rannten los, um sich in Sicherheit zu bringen. Krankenwagen erreichten den Ort, und Anwohner, die versuchten sich, weiße Tücher schwingend, den Verletzten zu nähern. Ohne Erfolg. Viel zu lange dauerte es, bis die Verwundeten geborgen werden konnten. Ismael Abd Elqader ElZaaneen, 16 Jahre alt, liegt im Krankenhaus, mit Verbänden an fast jeder Stelle seines Körpers. „Wir rannten in alle Richtungen, und sie feuerten ungefähr zehn Artilleriegranaten auf uns. Ich bekam einen Splitter tief in meinen Rücken, und kleinere überall in meinen Körper. Aber ich bin trotzdem weitergerannt, bis ich die Hauptsraße von Bait Hanoun erreicht hatte.“ Selbst der verletze Sharaf schaffte es irgendwie, nach Bait Hanoun zu gelangen, ohne noch einmal getroffen zu

werden, und der elfjährige Oday Abdel Qader Elzaaneeen wurde durch einen Granatensplitter in seiner Wange nur leicht verletzt. Er steht im Krankenhaus und weint, sichtlich unter Schock, sein Cousin ist tot, und seine Brüder schwer verletzt. „Ich habe keine Ahnung, warum die Israelis dies getan haben“, sagt er leise. Er ist zu jung um hier zu stehen und zu weinen, er ist zu jung um zwischen Granaten um sein Leben zu rennen, er ist zu jung um heute seinen Cousin verloren zu haben. Und Amjad war zu jung, um heute zu sterben, durch eine Granate die seinen Bauch zerfetzt hat. Seine Mutter bricht im Krankenhaus zusammen. Selbst als sie wieder zu sich kommt bleibt sie liegen, die Augen geschlossen. Es kann keine Welt geben, in der ihr Sohn nicht mehr ist.

Der Onkel von Sharaf, der neben seinem Bett steht sagt: „Die Israelis begehen hier jeden Tag Verbrechen. Keiner von uns Zivilisten kann mehr sein Land betreten. In der letzten Zeit ist die Brutalität eskaliert, Bauern, Schäfer, Steinesammler, wir werden alle ermordet. Sie haben für niemanden Erbarmen, weder für alte Menschen noch für Kinder. Die Menschen da draußen müssen anfangen uns zu helfen, jeden Tag, jede Woche und jeden Monat haben wir neue Verletzte und Tote zu beklagen. Seit 1948 leiden wir, und es wird immer schlimmer. Wir bekommen von niemandem Unterstützung. Aber wir brauchen Hilfe. Alle Palästineser sind mögliche Angriffsziele. Alle von uns. Niemand ist davon ausgenommen, niemand ist sicher.”

Vera Macht lebt und arbeitet seit April 2010 in Gaza. Sie ist Friedensaktivistin und berichtet über den täglichen Überlebenskampf der Menschen im Gazastreifen (Vera.Macht@uni-jena.de)

AMJAD – THE NEXT VICTIM IN GAZA BUFFER ZONE by VERA MACHT 19.1.11

It took eight days. Eight days since the last innocent was killed. You watch people die here one after another, getting killed one by one, without consequences, without justice, without an outcry in the media. Innocent people who have never done anything wrong in their lives other than try to make a living from something amidst the stifling four year siege. Civilians. Palestinian civilians, whose life doesn’t seem to be worth more than an entry in the statistics. And you feel like your hands are tied. “So that’s what I can do: register it in my notebook. It is registered, and there is an empty line after Shaban’s name. That is for those who they kill tomorrow”, wrote the American writer Max Ajl after the farmer Shaban Karmout was killed. It took eight days, and the place was filled. Amjad ElZaaneen, was 17 years when he was killed today. Too young, too early, too meaningless, too many names in all of our laptops.


Amjad collected stones that morning, on the 01/18/2011, as on every morning, with his three cousins and his brother, the youngest of whom was eleven. Five boys, children, with a horse and a cart full of stones, about 300m from the border with Israel, and near to the village of Bait Hanoun. They had just loaded their cart full as they saw Israeli tanks and bulldozers coming to invade the land, why, who knows. A group of resistance fighters approached the area, including fighters from PFLP, the Communist Party, to fight them out again, to prevent them from again uprooting the land. A more symbolic act, the country was destroyed hundreds of times before, by tanks and bulldozers, one more time, what difference does it make. Amjad and the others ran for their lives, successfully, they arrived safely at home.

But the horse was still there, after all, and all the stones they had collected with difficulty, for which they had risked their lives to have some income that day, and for the next one maybe, who knows whether the situation then wouldn’t be even more dangerous. So they returned, as they thought the situation had calmed down, and the tanks and bulldozers had withdrawn from Gaza's land, after they had flattened it one more time, why, who knows. But when they arrived at their horse, and just wanted to take it back home, Israeli soldiers fired a shell at them, and Sharaf Raafat Shada, 19, was hit by a piece of shrapnel in the chest. Amjad, the oldest, tried to pull him away, to lay him on the cart to somehow take him to the hospital, but Sharaf was too heavy for him. So Amjad made the decision to try to reach Bait Hanoun in order to get help. He hadn’t gone far when a shell directly hit him into his belly, leaving a wound so large that he bled to death within minutes. The young boys broke out in panic and ran off to get to safety. Ambulances and people living nearby arrived to try to rescue the boys, waving white flags, but that didn’t stop the shooting. It took a long time until they managed to reach them.

Ismael Abd Elqader ElZaaneen, 16 years old, is now in hospital in Bait Hanoun, with bandages on nearly every part of his body. "We ran in all directions, but they fired about ten artillery shells at us. I got shrapnel deep in my back and smaller pieces all over my body. But I kept running nevertheless, until I got to the main road from Bait Hanoun." Even the injured Sharaf somehow managed to reach refuge at the main street without being hit by the shelling again. The eleven-year old Abdel Qader

Oday Elzaaneeen was slightly injured by shrapnel to his cheek. He was standing in the hospital and crying, visibly in shock, his cousin is dead, and his brothers are injured severely. "I have no idea why the Israelis have done this," he says quietly. He is too young to stand here and cry, he is too young to run for his life between shells, he is too young to have lost his cousin today. And Amjad was too young to die today, by a grenade that has torn his stomach apart. As his mother heard what happened, she collapsed in the hospital. And even as she regained her consciousness, she remained lying down silently, her eyes closed. How can the world be still there if her son is no more.

The uncle of Sharaf, who is standing next to his bed, said: "The Israelis are committing crimes every day here. None of us civilians can enter his fields anymore. The brutality is escalating dramatically in recent times, farmers, shepherds, stones collectors, we are all murdered. They don’t have mercy on anyone, neither for the elderly, nor for children. People out there must begin to help us, because every day, every week and every month we have to mourn new injuries and deaths. Since 1948, we are suffering and it’s getting worse and worse. We don’t get support from anyone. But we need help. All Palestinians are potential targets. All of us. No one is excluded, no one is safe."

Each of the relatives, waiting in the hospital, could be the next victim. As a farmer on the field, as a shepherd, while collecting stones. Today Amjad ElZaaneen was the next name on the list of innocent deaths, of senseless killings. On the long list in all of our laptops, in all of our consciences.

Vera Macht lives and works in Gaza since April 2010. She is a peace activist and reports about people´s daily struggle in Gaza (Vera.Macht@uni-jena.de)

Samstag, 15. Januar 2011

LIVING IN GAZA by VERA MACHT 15.1.11

The air is filled with the noise of the Israeli F-16s, which are flying so low that it's almost like the air is trembling. You can positively feel the bombs before they fall, before they explode with a horrendous bang, that is unmistakable, with a pressure wave that breaks the windows of the houses in the whole surrounding area, and makes the walls shake miles away. And even if you know rationally that you are not in an immediate danger, this bang triggers a primal fear, the feeling of vulnerability, of being absolutely exposed. "We people of Gaza die hundreds of times", a young Palestinian woman said. "In our thoughts, we are buried every night under the rubble of our crumbling house, we are shot every morning by a sniper on a carelessly chosen path, we may starve to death every day, because no more food is coming in." This night four bombs fall, three in the middle area of Gaza Strip, one in Khan Younis. All places have been declared "terrorist targets" in the official statement of the Israeli military, including a Navy police building. They fly overhead for about an hour, and you try to ignore the noise by focusing on something else, on your laptop, the text before you. The people of Gaza might watch TV, but the images are constantly disturbed by dozens of drones in the sky above. Their pervasive, never-ending buzz can drive you crazy, not to mention the prospect of how they record every single detail of each house, each car and each movement of the people, of yourself. Always aware of how they can transform into a deadly weapon at any moment. And perhaps their bombs aren’t aimed at yourself, but at the car next to you, the person behind you, or at the friend on the motorcycle seat in front of you. This happened yesterday afternoon in Khan Younis, as a resistance fighter was executed in broad daylight as he rode his motorcycle with a friend. Whoever writes about Gaza, whoever writes about the buffer zone without writing about the rockets, which are shot from there to Israel, is accused of writing only half the truth. Half of the truth about farmers being killed, stone collectors who are shot at, and bombs in the night. The other half of the truth would then be the approximately 20 mortar shells and missles that have landed in Israel since the beginning of the year, the Israeli soldier who died by "friendly fire", which was actually aimed at a Palestinian, and the Thai workers, who were injured by fragments of a missile. The whole truth would then be a mutual terror, incited on both sides, and in which both parties would be equally responsible for the spiral of violence. If there were two equal parties, then each Israeli police station would be a legitimate target, any Israeli soldier who, on his day off, rides with a friend on his motorcycle through Tel Aviv, would be a legitimate target for execution. That is how Israel operates. The discourse is, however, not about equality, it is about self-defense and protection of a state on one side, and about terrorism on the other side. What about the safety of the people of Gaza? One wonders, living here. What about the safety of the children in the schools near the border that are shot at, of the pregnant women, over whom the F-16 circles? Where is the protection of the baby, who was sleeping in his bed, as a few weeks ago the bullet of an Israeli tank shattered the wall above him? All of this is a response to the terror of the Islamists, says Israel and the mainstream journalism.


The terrorists are called Muqawima here in Gaza. The people who sneak at night to the border with homemade rockets and Kalashnikovs, and they come from the whole political edge spectrum of Gaza, from the Communist and the radical-Islamic, but not from the government. That it’s Hamas supporters who throw missiles at Israel is a common propaganda myth. Since the massacre in Gaza two years ago, there is a truce between Hamas and Israel, and Hamas is abiding by it, in contrast to Israel. Not only that, Hamas cracks down on those militant factions which don’t. Right now, Hamas would take little advantage from a war, and that is what they act upon. The firing of rockets is thus punished heavily, many fighters of these groups have been arrested before doing anything. Israel doesn’t even claim that the missiles come from Hamas. The Israeli rhetoric is that they "hold solely Hamas to account for everything happing in Gaza". It is not Hamas from which this Muqawima, resistance in English, comes. If it’s not Hamas, from whom Israel officially has to protect itself, who is this resistance then? What drives these men to the border at night, with homemade rockets and Kalashnikovs? When one wants to apply oneself over the allegedly other half of the truth about Gaza, one must deal with the militant resistance in Gaza. In Europe the rhetoric of the media and politicians differentiates traditionally between Western and Arab resistance. "When justice becomes injustice, resistance becomes a duty," said Bertolt Brecht, and this is probably the general moral guideline by which Western resistance is measured. Israel is committing blatant injustice in Gaza, not just from an emotional, but from a legal point of view. The entire population of Gaza lives under a total siege, the nutrition of 55% of the Palestinians in Gaza is not ensured, and 10% of children show impairments caused by malnutrition. During the Israeli attack on Gaza 2008 / 9, phosphorus bombs were used. According to article 33 of the Fourth Geneva Convention, collective punishment is prohibited. Article 55 of the Fourth Geneva Convention states that the occupying power has the obligation to maintain the nutrition and medical care for the population to the maximum extent possible. The Additional Protocols of 1977 to the Geneva Conventions of 1949 explain that the use of incendiary weapons against civilians, or in a manner in which it can easily result in so-called "collateral damage", is prohibited. Those are only the most serious examples of a long list of Israel’s injustices toward Gaza. Is it resistance in the Brechtian sense then, which drives the fighters to the border? Maybe, that’s what the supporters of the militant wing of PFLP, the Communist Party, would say, perhaps they have read Marx. They mostly fight against Israeli incursions into Gaza’s land, when the soldiers come with tanks and bulldozers to uproot the fields. Two big questions remain for everyone who condemns violence, and deals with the resistance at the border. Even if one accepts that words, at some point, are not enough anymore, that at some point you have to actively defend yourself, the first question arises: How can you accept that from these the missiles children can potentially be killed? Perhaps we should say that these missiles are not better than fireworks, that they normally cause little damage, maybe this won’t change the fact. Amira Hass, an Israeli journalist, has asked this question to a leader of

the Qassam Brigades, who answered: "We want the mothers and children in Israel to have the same fear that our mothers and children feel every day." The second big question is about the absolute pointlessness of this kind of resistance. Any better firework, which leaves a hole in the Negev, is repaid by bombs, which shake the houses of Gaza, and bury innocent people among them. Any better firework, which leaves a hole in the Negev, produces an outcry in the Western media, which is a hundred times louder than any voice that speaks of the incredible suffering in Gaza, about the open-air prison in which people are living here, under-supplied with food and medicine, which speaks of injustice, and a racism which deprives the Palestinians of their most basic human rights. When you deal with this pointlessness, the way is short to hopelessness, which runs like a thread through the lives of those who go as martyrs to the border, with their homemade rockets and Kalashnikovs. Their death is almost certain, the border zone is a maximum security zone, hardly anybody comes back alive. And when you visit the families of these martyrs, the basic constants you find are poverty, unemployment and hopelessness. They come from the smaller villages around Gaza City, from the border area, from the camps, from refugee families who have settled in small concrete houses. Their fathers may have worked in Israel as long as there were permits for that. In Gaza there is no work, the unemployment rate since the blockade is 45%. There is also nothing for the children, barely enough to eat, let alone money to study. "The only thing we have left is God", one often hears, the other crucial constant is religiosity. For it’s the radical Islamic factions which send these martyrs to the border, the best known of them is probably Islamic Jihad. It’s the children of those families who go to their death, believing there is a paradise, with all those things they can’t hope to acquire on earth. They are in their twenties, often younger, and convinced that in their lives they will never have liberty, nor work, nor the money to get married. Convinced that the only thing they can decide about themselves is the time of their death, and the way. Maybe they think they help their people. Maybe they don’t know about the voice, which tries to be heard outside, and which speaks of the blatant injustice and the suffering of Gaza, maybe they just don’t believe it can possibly help. Who knows, you can’t ask them afterwards, and the next potential martyrs are almost impossible to find beforehand. The people of Gaza you encounter in your daily life, the fruit-seller, the taxi driver, your friends and colleagues, they all speak with respect about the bravery of those who confront the Israeli soldiers in the way of David and Goliath. They don’t feel protected by them, but they esteem those that at least try to resist. What about the ones who launch missiles into Israel, you then ask. Here in the center of Gaza City, where people's lives differ from ours more in the way than in the outline, in which they are engaged in a normal everyday life, locked in terror and fear, here you can hardly find someone who can understand them. In some shoes you may have to be born to know what it's like to walk in them. After one year in Gaza you can only approach the answer to the two big questions of the militant Palestinian resistance.

After one year in Gaza, while sitting at your desk, the air full off the noise of the Israeli F-16s, so loud that it makes things tremble, and you can positively feel the bombs coming, you know something else. You know that when you speak of Israeli terror in the buffer zone, of dead farmers and bombs in the night, you don’t write only half of the truth. Vera Macht, Gaza; Tel: 00972597355082; Email: vera.macht@uni-jena.de

Freitag, 14. Januar 2011

WIDERSTAND von VERA MACHT 14.1.11

Die Luft ist erfüllt vom Lärm der israelischen F-16, die so tief fliegen, dass es schon fast einem leichten Beben gleicht. Man kann die Bomben förmlich fühlen, noch bevor sie fallen, mit diesem abscheulichen Knall, der unverwechselbar ist, mit einer Druckwelle, die die Fenster der Häuser im weiten Umkreis bersten lässt und die Wände noch Kilometer weiter zum Wackeln bringt.


Selbst wenn man weiß, rational, dass man nicht in unmittelbarer Gefahr ist, löst dieser Knall eine Urangst in einem aus, das Gefühl der Schutzlosigkeit, des absoluten Ausgeliefertseins. „Wir Menschen in Gaza sterben hunderte Male“, so sagte eine junge Palästinenserin. „Wir werden jede Nacht in Gedanken unter dem Schutt unseres einstürzenden Hauses begraben, wir werden jeden Morgen auf einem unvorsichtig eingeschlagenen Weg von Heckenschützen erschossen, wir verhungern vielleicht, weil keine Nahrung mehr hineinkommt.“

Diese Nacht sind es vier Bomben die fallen, drei in der Mitte des Gazastreifens, eine in Khan Younis. Alle haben „Terror-Ziele“ getroffen, so die offizielle Angabe des israelischen Militärs, darunter das Polizeigebäude der Marine.

Rund eine Stunde lang fliegen sie, und man versucht den Lärm zu ignorieren, sich auf etwas anderes zu konzentrieren, auf den Laptop, den Text vor einem. Die Menschen Gazas schauen vielleicht fern, doch das Bild wird immer wieder gestört durch Dutzende von Drohnen am Himmel. Ihr durchdringendes, nicht enden wollendes Surren kann einen in den Wahnsinn treiben, ganz abgesehen von der Vorstellung, wie sie jedes einzelnes Haus detailgetreu aufzeichnen, jedes Auto und jede Bewegung eines Menschen, von einem selbst. Und immer ist man sich bewusst, wie sie sich in jedem Augenblick in tödliche Waffen verwandeln können. Vielleicht zielen ihre Bomben nicht auf einen selbst, aber auf das Auto neben einem, den Menschen hinter einem. Oder auf den Freund, auf dem Motorradsitz vor einem. So geschehen gestern Nachmittag in Khan Younis, als ein Widerstandskämpfer am hellichten Tage hingerichtet wurde, während er mit einem Freund Motorrad fuhr.

Wer über Gaza schreibt, wer über die Pufferzone schreibt, ohne über die Raketen zuschreiben, die von dort nach Israel hinüber geschossen werden, der würde nur die halbe Wahrheit schreiben, so wird einem vorgeworfen. Die halbe Wahrheit über getötete Bauern, angeschossene Steinsammler und Bomben in der Nacht. So wäre die andere Hälfte der Wahrheit die rund 20 Mörserraketen, die seit Beginn des Jahres in Israel gelandet sind, der israelische Soldat, der gestorben ist, durch „friendly fire“, das eigentlich einem Palästinenser gegolten hat, und die thailändischen Arbeiter, die durch Splitter einer Rakete verletzt wurden. So wäre die ganze Wahrheit ein gegenseitiger Terror, der sich auf beiden Seiten hoch stachelt, in dem beide Parteien für die Gewaltspirale gleichsam Verantwortung tragen.

Würde es sich um zwei gleichberechtigte Parteien handeln, dann wäre jede israelische Polizeistation ein legitimes „Terror-Ziel“, dann wäre jeder israelische Soldat, der an seinem freien Tag mit einem Freund auf seinem Motorrad durch Tel Aviv fährt, legitimes Ziel einer Hinrichtung. So handhabt es jedenfalls die israelische Seite. Doch hier ist die Rede nicht von Gleichberechtigung. Nein, hier spricht man von Selbstverteidigung und dem Schutz eines Staates auf der einen Seite, und von Terrorismus auf der anderen Seite.

Was aber ist mit dem Schutz der Menschen Gazas, so fragt man sich, wenn man hier lebt. Was ist mit dem Schutz der Kinder in den Schulen nahe der Grenze, die beschossen werden, der schwangeren Frauen, über denen die F-16 kreisen? Wo bleibt der Schutz des Säuglings, der in seinem Bett schlief, als vor ein paar Wochen die Kugel eines israelischen Panzers die Wand über ihm zerschmettert hat? Dies sei eine Antwort auf den Terror der Islamisten, so sagt Israel und der Mainstream-Journalismus.

Die „Terroristen“ werden Muqawima in Gaza genannt. Die Menschen, die sich nachts zur Grenze schleichen, mit selbst gebauten Raketen und Kalashnikofs. Sie kommen aus dem gesamten politischen Randspektrum Gazas, aus dem kommunistischem sowie dem radikal-islamischen, nicht jedoch aus Regierungskreisen. Dass es Hamas-Anhänger sind, die Raketen auf Israel werfen würden, ist ein weit verbreiteter propagandistischer Mythos. Zwischen Israel und Hamas herrscht seit dem Massaker in Gaza vor zwei Jahren ein Waffenstillstand, an den sich Hamas, im Gegensatz zu Israel, uneingeschränkt hält. Und nicht nur das. Hamas geht hart gegen jene militanten Splittergruppen vor, die sich nicht an den Waffenstillstand halten. Ein Krieg würde Hamas derzeit wenig nutzen, danach handeln sie. Das Abschießen von Raketen wird somit hart bestraft, viele Kämpfer dieser Gruppen wurden bereits im Vorfeld verhaftet. Israel behauptet auch gar nicht, die Raketen würden von Hamas stammen. Die israelische Rhetorik ist, dass sie "Hamas für alle Vorkommnisse in Gaza zur Verantwortung ziehen". Es ist also nicht Hamas, diese Muqawima, zu deutsch Widerstand.

Wenn es also nicht Hamas ist, gegen die sich Israel offiziell schützen muss, um wen handelt es sich bei diesem Widerstand dann? Was treibt diese Männer zur Grenze, nachts, mit selbst gebauten Raketen und Kalashnikofs?

Will man sich der angeblich anderen Hälfte der Wahrheit über Gaza widmen, so muss man sich mit dem militanten Widerstand Gazas beschäftigen.

In Europa unterscheidet die Rhetorik der Medien und Politiker traditionell zwischen westlichem und arabischem Widerstand. „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zu Pflicht“, so sagte Bert Brecht, und das ist wohl die allgemeine moralische Richtlinie, an der Widerstand im Westen gemessen wird.

Israel begeht schreiendes Unrecht in Gaza, nicht aus emotionaler, sondern aus gesetzlicher Sicht. Die gesamte Bevölkerung Gazas lebt seit fast vier Jahren unter einer vollkommenen Blockade, die Ernährung von 55% der Palästinenser in Gaza ist nicht gesichert, und 10% der Kinder zeigen Beeinträchtigungen durch Mangelernährung. Im israelischen Angriff gegen Gaza 2008/9 wurden Phosphorbomben eingesetzt. Laut Artikel 33 der vierten Genfer Konvention sind Kollektivstrafen verboten. In Artikel 55 der vierten Genfer Konvention ist festgelegt, dass die Besatzungsmacht die Pflicht hat, die Ernährung und medizinische Versorgung der Bevölkerung im größtmöglichen Umfang zu gewährleisten. Die Zusatzprotokolle von 1977 zu den Genfer Abkommen von 1949 erklären, dass der Einsatz von Brandwaffen gegen Zivilpersonen bzw. in einer Art und Weise, in der es leicht zu sogenannten „Kollateralschäden“ kommen kann, verboten ist. Dies sind nur die gravierendsten Beispiele einer langen Liste.

Ist es also Widerstand im Brecht’schen Sinne, der die Kämpfer zur Grenze treibt? Vielleicht würden die Anhänger des militanten Flügels von PFLP, der kommunistischen Partei, dies sagen, vielleicht haben sie Marx gelesen. Sie sind es meistens, die bei israelischen Einbrüchen in Gazas Land kämpfen, wenn die Soldaten mit Panzern und Bulldozern kommen, um die Felder platt zu walzen.

Doch es bleiben immer zwei große Fragen, für jeden der Gewalt verurteilt, und sich mit dem Widerstand an der Grenze beschäftigt. Selbst wenn man akzeptiert, dass irgendwann Worte nicht mehr reichen, dass man sich irgendwann aktiv verteidigen muss, stellt sich die erste Frage: Wie kann man es hinnehmen, dass durch die Raketen auch potentiell Kinder getötet werden können? Vielleicht sollte man erwähnen, dass es sich bei diesen Raketen eher um bessere Feuerwerkskörper handelt, die im Normalfall kaum Schaden anrichten. Vielleicht spielt dies aber gar keine Rolle. Amira Hass, eine israelische Journalistin, stellte diese Frage einem Führer der Quassam Brigaden, der antwortete: "Wir wollen, dass die Mütter und Kinder in Israel die selbe Angst fühlen, die unsere Mütter und Kinder jeden Tag haben."

Die zweite große Frage ist die der absoluten Sinnlosigkeit. Jeder bessere Feuerwerkskörper, der ein Loch in der Negev hinterlässt, hat Bomben zur Folge, die die Häuser Gazas erschüttern lassen, und unschuldige Menschen unter sich begraben. Jeder bessere Feuerwerkskörper, der ein Loch in der Negev hinterlässt, erzeugt einen Aufschrei in der westlichen Presse, der hundert Mal lauter ist als eine Stimme, die über das unglaubliche Leid Gazas spricht, über das Freiluftgefängnis in dem die Menschen hier leben, unterversorgt an Nahrung und Medikamenten, die über das Unrecht spricht und über Rassismus, der den Palästinensern die elementarsten Menschenrechte entzieht.

Beschäftigt man sich mit dieser Sinnlosigkeit, so ist man schnell bei der Hoffnungslosigkeit, die sich wie ein roter Faden durch das Leben derer zieht, die als Märtyrer mit ihren selbst gebauten Raketen und Kalashnikofs zur Grenze gehen. Der Tod ist fast gewiss, die Grenzzone ist ein Hochsicherheitstrakt, kaum einer kam bis jetzt lebend zurück. Besucht man dann die Familien dieser Märtyrer, trifft man auf Grundkonstanten wie Armut, Arbeitslosigkeit und Aussichtslosigkeit. Sie stammen aus den kleineren Dörfern um Gaza-Stadt, aus dem Grenzgebiet, aus den Camps, aus Flüchtlingsfamilien, die sich in kleinen Betonhäusern niedergelassen haben. Die Väter haben vielleicht noch in Israel gearbeitet, als es noch Genehmigungen hierfür gab. In Gaza gibt es keine Arbeit mehr, hier liegt die Arbeitslosigkeit seit der Blockade bei 45%. Also gibt es auch für die Kinder nichts, kaum genug zum Essen, geschweige denn Geld für ein Studium.

„Uns bleibt allein Gott“, so hört man oft, tiefe Religiosität ist die andere entscheidende Grundkostante. Denn es sind die radikal-islamischen Splittergruppen, die diese Märtyrer zur Grenze schicken, am bekanntesten davon vielleicht Islamic Jihad. Es sind die Söhne dieser Familien, die in den Tod ziehen, in dem Glauben es gäbe ein Paradies, mit all jenen Dingen, die sie auf Erden nie zu erreichen hoffen können. Sie sind oft unter zwanzig und überzeugt davon, dass sie in ihrem Leben weder Freiheit, noch Arbeit, noch das Geld zur Heirat jemals haben werden. Überzeugt davon, dass es nur der Zeitpunkt und die Art und Weise ihres Todes ist, über das sie selber bestimmen können. Vielleicht glauben sie auch, ihrem Volk helfen zu können. Vielleicht wissen sie nichts von der Stimme, die sich draußen Gehör schaffen will, die von schreiender Ungerechtigkeit und dem Leid Gazas erzählt, vielleicht glauben sie auch nur nicht an mögliche Hilfe. Wer weiß das schon? Nach dem Freitod kann man sie nicht mehr fragen, davor sind die potentiellen künftigen Märtyrer kaum ausfindig zu machen.

Die Bewohner Gazas, denen man im täglichen Leben begegnet, der Obstverkäufer, der Taxifahrer, die Freunde und Kollegen, sie alle sprechen mit Respekt von der Tapferkeit derer, die sich den israelischen Soldaten in den Weg stellen wie David gegen Goliath. Sie fühlen sich durch diese zwar nicht beschützt, aber sie schätzen, dass diese wenigstens versuchen, sich zu widersetzen.

Was aber ist mit denen, die Raketen nach Israel werfen, fragt man dann. Im Zentrum von Gaza-Stadt, in dem sich das Leben der Menschen eher im Wie als im Was von unserem unterscheidet, in dem sie eingesperrt, in Terror und Angst versuchen, einem normalen Alltagsleben nachzugehen, hier wird man kaum jemanden finden, der das verstehen kann. In manche Schuhe muss man wohl hinein geboren sein, um zu wissen wie es ist, darin zu gehen.

Nach einem Jahr in Gaza kann man sich der Beantwortung der zwei großen Fragen des militanten palästinensischen Widerstandes höchstens annähern.

Nach einem Jahr in Gaza weiß man aber etwas anderes, während man an seinem Schreibtisch sitzt, und die Luft von dem Lärm der israelischen F-16 erfüllt ist, so laut, dass es einem Beben gleicht, und man die kommenden Bomben fast schon fühlen kann. Man weiß, dass man, wenn man von israelischem Terror in der Pufferzone, von getöteten Bauern und Bomben in der Nacht spricht, nicht nur die halbe Wahrheit schreibt.

Vera Macht, Gaza; Tel: 00972597355082; Email: vera.macht@uni-jena.de

LIFE AND DEATH IN THE BUFFER ZONE by VERA MACHT 14.1.11

Death comes quickly at a place like this. On sunny winter days, when the smell of the night’s rain is still in the air, as if it would have brought some hope for the raped, barren land of Gaza, overrun hundreds of times by Israeli tanks and bulldozers. The land between the foothills of the village of Bait Hanoun and the Israeli border, guarded by watchtowers, soldiers, snipers, helicopters and drones. A land in which death is a regular guest.


But despite all that, the 65-year-old Shaban Karmout probably had something like hope when he woke up on that winter morning. His house is in exactly this 300 meter wide strip of land in the so-called buffer zone. He has built his house 40 years ago, in 1971, when Gaza was already occupied by Israel, and yet he had thought to have a future there for himself and his family. Shaban began to plant fruits, his land was full of palms and trees, lemon, orange, clementine and almond trees were growing there. He had a good life.
But in 2003, just at the time of the almond harvest, the Israeli bulldozers came in the middle of the night. It took them three hours to raze the work of 30 years to the ground. Since the Israeli attack in 2009, he could no longer live there, too dangerous had the buffer zone become, where his home was, which has now been declared a closed combat zone by Israel. He had since lived in a rented small concrete house in the middle of the refugee camp near Bait Hanoun, in Jabalia, cramped in a tiny room with his large family.

But he went back to his land, every morning, and worked there until the evening. He and his family had to make a living from something, after all. And so this morning, in the morning of the 10th January 2011, he woke up with hope, around 4 o’clock, and left for his fields. Full of hope he was because he and his neighbors had recently received a new well, their old one had been destroyed by an Israeli tank incursion. The Italian NGO GVC had built up the well, it was financed by the Italian government.

On that day he was visited by an employee of the organization, to see how his situation had improved. She had an interview with him, and he asked her to come into the house, as it would be not safe outside. As she left, he advised her to rather take a short cut, you never know. He told her that he himself still had to go into the garden once more to tie his donkey. The NGO worker had just reached the village of Bait Hanoun, as three shots fell. One hit Shaban in the neck, two others in the upper part of his body. He was dead on the spot.

"It's like a nightmare," the Italian said, stunned. "I will never see him again. From here to the morgue in two hours. "

In the interview that he gave shortly before his death, he told about the unbearable situation in which he had been living. "It felt as if someone had ripped out my heart," he described the night in which he lost all his land under the blades of eight bulldozers. And he told how he and the farmers from the neighbor fields had risked it yet again, you have to make a living from something after all, and had grown wheat. When it was ready to be harvested, it was burned down by the Israeli army. And he told how he and the farmers from the neighbor fields yet again had the courage, the children have to eat something after all, and wanted to grow wheat. When the workers went to the field to sow, they were fired upon by Israeli soldiers.

What he now makes his living from, he was asked. "I collect stones and wood, and I grow some crops in my garden," he replied. Crops, for which he had got water most recently, thanks to the donation from the Italian government. Therefore Shaban probably looked somewhat optimistic into the future, for he didn’t have another income than his garden anymore, since it had become too dangerous for him to enter his fields. "At any time the Israeli bulldozers can come again to destroy my house, you never know what they do next," he said. Whether he isn’t afraid to be there, the employee of the NGO asked him. "No, I don’t mind the shooting too much," he replied. "Even if something happens to me, humans can only die once. And only God knows when I am going to die."

His nephew, Mohammed Karmout, stood a bit apart from the morgue. "The Israelis know my uncle very well," he says quietly. "He's there every day, and the whole area is monitored by cameras and drones. They do know he lives there."

And so it is quite doubtful if only God alone knew that Shaban would die at that day, while he was tying his donkey, by three shots in his upper body.

Shaban Karmout is the third civilian being shot dead in the buffer zone in the last month. At Christmas, the Shepherd Salama Abu Hashish, 20 years old, died by a shot in the back while he was tending his sheep. Since the beginning of last year, about hundred workers and farmers were shot by Israeli snipers in the buffer zone, 13 of them died.



Vera Macht, Gaza; Tel: 00972597355082; Email: vera.macht@uni-jena.de

Dienstag, 21. Dezember 2010

PRESSEMITTEILUNG ISM - ISRAEL´S KRIEG GEGEN STEINESAMMLER 21.12.10

Pressemitteilung


Israels Krieg gegen Steinesammler

Zwischen dem 25.November und 12. Dezember 2010 wurden in der sogenannten Bufferzone 22 palästinensische Arbeiter angeschossen und dabei schwer verletzt. Dies stellt eine schwere Eskalation an Angriffen auf palästinensische Zivilisten in Gaza dar.

Die sogenannte “Bufferzone” ist ein drei bis fünfhundert Meter breiter Streifen von Gazas Land, der sich die gesamte israelischen Grenze entlangzieht, und vom israelischen Militär als no-go Zone erklärt wurde. Laut UN jedoch ist der Aufenthalt noch 1000 bis 1500 Meter von der Grenze höchst gefährlich, ein Gebiet das insgesamt 35% von Gazas Agrarland betrifft.

Doch dieses Land ist nicht nur wichtig für die Landwirtschaft, es ist auch lebensnotwendig für die vielen Schrottsammler. Die meisten dieser sammeln Steine in der Nähe der Grenze, die später dann zu Zement als Baumaterial zerkleinert werden. Zement ist ein kostbares Gut in Gaza, seit dessen Einfuhr unter der seit 2007 fortwährenden israelischen Blockade verboten wurde. Sammeln von Steinen ist die einzige Möglichkeit für diese Menschen im Grenzgebiet, um den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien zu verdienen. Arbeitsplätze sind äußerst rar in Gaza, da in der momentanen desaströsen Wirtschaftslage die Arbeitslosigkeit bei über 45% liegt.

Fast täglich werden diese Arbeiter von israelischen Soldaten angeschossen, oft von Dumdum-Kugeln, die im Inneren des körpers explodieren und so einen größtmöglichen Schaden hinterlassen. Sie zerschmettern die Knochen, sodass Getroffene oft für Monate nicht laufen können. Laut der Genfer Konvention von 1899, Erklärung III, ist dies ein Verbrechen. In ihr wird der Gebrauch von sich erweiternden Geschossen, Dumdum Geschosse genannt, in der internationalen Kriegsführung verboten.

In den letzten drei Wochen wurden 22 Steine- und Schrottsammler in die Beine geschossen, seit März 2010 waren es insgesamt 97. Dies ist eine deutliche Eskalation an Verbrechen gegen Zivilisten in Gazas „Bufferzone“ und im umliegenden Gebiet, und ein klarer Verstoß gegen die Menschenrechte. Viele dieser Verletzen sind für Monate bewegungsunfähig, und die Alleinverdiener einer Großfamilie. Auch Kinder sind davon betroffen, in den letzten drei Wochen wurden vier unter 18-jährige angeschossen. Mokles, 15, wurde am 28. November angeschossen. Er verdient am Tag 50 Schekel durch Steinesammeln, und gemeinsam mit seinem älteren Bruder ist er der einzige Ernährer einer 17-köpfigen Familie. Ismael Sa’aed Qapeen, 31 Jahre alt, verlor drei Zehen, als er am 30. November nahe der Grenze zum insgesamt dritten Male angeschossen wurde. Alle seine vier Brüder wurden ebenfalls bereits angeschossen, der letzte von ihnen am 9. Dezember

Detailierte Berichte über die Vorfälle und die Opfer, samt Bildern, sind hier zu finden:

http://palsolidarity.org/2010/12/15986/

http://palsolidarity.org/2010/11/15946/

http://palsolidarity.org/2010/11/15946/

http://palsolidarity.org/2010/12/16022/

http://palsolidarity.org/2010/11/15912/

ISM Gaza ruft zu einem sofortigen Ende des Beschießens unschuldiger Zivilisten auf, die durch die illegale Blockade Gazas zu dieser Arbeit genötigt werden, und bittet die internationale Gemeinschaft, Israel zu einem Ende dieser Angriffe zu drängen.

Freitag, 28. Mai 2010

ASHRAF by VERA MACHT 21.2.11

Ashraf Abdellatif Iqtifan was born in Gaza City in 1980. He grew up surrounded by five brothers, two sisters, and everyday violence. When Ashraf was eleven years old, his 14-year-old brother Rami, who on his slightly yellowed photo smiles cheekily and brightly into the camera, threw a stone at an Israeli soldier, Gaza was occupied by Israel. A soldier standing next to them saw this, he took his gun and shot Rami between the eyes, the bullet got stuck in the brain. The brain-dead boy was brought to Israel, the family got him back cut open, all organs, even his eyes, were missing. The parents went to court and won. The soldier who had shot Rami, was sentenced for manslaughter of a child to 15 days of prison. Yes, days. He was also demoted two ranks. But in spite of everything, Ashraf dreamed of a better life in Israel. When he was 19 years old and Gaza was not yet a jail, he managed to escape. He went to Tel Aviv and began to work as a dishwasher. His salary may not have been high, but it was enough to feed his entire family in Gaza, after the blockade none of them have work anymore. For 12 years Ashraf lived and worked in Tel Aviv. But five months ago, the horror from which he had escaped all those years came back to him. He was stopped by the police, and when looking into his passport, they noted that he was from Gaza. Shortly afterwards Ashraf was back in his hometown. But the joy of reunion lasted only very briefly. Ashraf found his family in poor living conditions, and now absolutely no money came from outside, no one had work anymore. He began to accompany two young men from the extended family, Fathi Jihad Khalaf, 21, and Ar-Tal'at Ruwagh, 25, by collecting stones, so that at least some money came in. They went every day into the area of a former Israeli settlement in northern Gaza, near the border with Israel. But the missing money and the related concern of no longer being able to care for his family was not the only thing that made Ashraf so desperate. Every day he looked across to the country that had been his home for many years, where his work was, his flat, his friends, his life. "No, Ashraf was not married," says his father, "that wouldn’t have been possible. I have to approve the marriage, and the whole family must be present at the celebration”. He had begun to plan a marriage for his son, he suggested possible partners. But each time Ashraf refused with some excuse or changed the subject. Maybe after so many years, he deviated a bit from his tradition. Perhaps contrary to father's firm conviction a girlfriend did wait for him in Israel, who knows, maybe he even had a family there. And so he developed a plan that was a mix of so stupid and naive that you have the urge to shake him and his two friends with whom he was collecting stones, if they hadn’t already paid for this stupidity with their lives. One can imagine Ashraf raving to his friends about the better life in Israel, about the opportunities they would have there, about the freedom. And these two guys who should have known it better, who were confronted with the violence of the Israeli military in the buffer zone on a daily basis, suddenly believed they knew the area well enough to see an opportunity. These two young men should have known better. They all should have known better. "Maybe he thought that the soldiers at the border were just as the people with whom he used to work in Tel Aviv, maybe he thought that they wouldn’t immediately shoot him", his father said quietly. Whatever Ashraf thought, he wanted to return at any rate. On the night to the 17th of February he and his two new friends set up to their way to the border. Did they really believe that this would work out? Ashraf perhaps hadn’t realized yet that Gaza had


become a high security prison during the long years of his absence. They hadn’t even reached the border when they were fired at - by a nearby gunboat on the water, by a drone from the air and a tank at the border. Half of Ashraf’s head was missing when the three bodies could finally be rescued four hours later, around six clock in the morning. No weapons were found, neither on the bodies, nor in the close surroundings. "I don’t know if he told anyone of his friends in Israel about his plan," said his father. "He didn’t even told me that he would try it that night." The declaration of the Israeli military stated that they "thwarted a terrorist attack”, the men would have been caught, "deploying explosives at the border". And that’s how the story was probably in the Israeli media. Did Ashraf tell his friends about his plan? Have they read the news? Do they know that he is dead, that Israeli soldiers didn’t prevent a terrorist attack, but killed their friend, who wanted to go back? Ashraf, does that name ring a bell to you, you inhabitants of Tel Aviv? Was he your employee, or the man who washed your dishes in your favorite restaurant, perhaps you've seen him on the way out? Was he your friend, partner, perhaps even father? The man who was sitting next to you on the bus, the guy with whom you started a conversation in the long queue at the supermarket? He's dead. Have you thought of him as you read the news about the last thwarted attack from the terrorists? About three more deaths on the long road to adequate safety? Ashraf was on his way home.

Vera Macht lives and works in Gaza since April 2010. She is a peace activist and reports about people´s daily struggle in Gaza (Vera.Macht@uni-jena.de)

Montag, 1. März 2010

I ONLY HAVE YOU by VERA MACHT

"I only have you to count on. From now on, my children depend on you ", this is the desperate call of a man who sees no way out for himself and his children, and we ISM members who came to his phone call, receive it in helpless silence. It is not the first time that we visit this family, and every time we go home more horrified.
The last time we were there was on the 14th July 2010, a day after his wife died. Was murdered, there is no other way to say it. Nasser Jabr Abu Said lives in Johr al-Dik, 350 meters away from the border with Israel. On the evening of the 13th July, Nasser's wife was in the garden with two other women from the family when they were fired at with artillery shells from a nearby tank. With flechette shells, which explode in the air so that 5 to 8000 nails shoot out of them, piercing everyone and everything in a cone of 300 by 100 meters. It is an illegal weapon.
Nasser's wife was not injured, but the shoulder of Nasser's sister was wounded, and the leg of the third woman, Sanaa Ahmed Abu Said, 26. The family took shelter in the house and called an ambulance, which was unable to approach because it was stopped by machine gun fire from the nearby Israeli soldiers. At this point, the 33 year old wife of Nasser, Nema Abu Said, realized that the youngest of her children, Nader, was asleep in the garden. As Nema ran outside to bring him to safety, she and her brother-in-law were pierced by the nails of another flechette shell. It took four endless hours until the ambulance finally got the permission to help the family, by then Nema had died.
When we first visited the family, no one had yet had the heart to explain to Nader that his mother had died. He kept asking for her while we were there. But how do you explain something like that to a three years old child?
But when we came this time, all the children knew only too well what had happened. Nasser explained that he could no longer live in the house because the almost daily incursions, bombs and shootings have destroyed their damaged psyche so much further that they wake up every night screaming from nightmares, having wetted the bed. UNRWA rented a tiny apartment for the family - right next to the cemetery where the mother is buried. "I couldn’t get my children away from their mother's grave. It happened more and more that I suddenly noticed at night that one of the children had gone, and I found them crying in the cemetery, I knew I couldn’t stay there any longer”, Nasser told us.
His alternative is disconcerting. He has pitched a tent funded by the Red Cross, a few hundred meters away from his old house. The Red Cross also brought three blankets, when Nasser requested more aid he was told that he had already been helped. UNRWA told that they could not finance a new house. Although they also recognized that the danger was too great to stay in the old house, the old house would first have to be destroyed. Before the house is destroyed, they don’t act.
In this tent, amid the rain of the winter, Nasser now sleeps with his four sons and his daughter, 3, 5, 8, 9 and 10 years old. On only two mattresses, because he has to burn the old mattresses every few weeks, since every night they are wetted by the children. There is not enough money for new mattresses, as well as for a sufficient amount of blankets, clothes and school uniforms for the children, and for their transportation to school. He doesn’t dare to send them to school before it’s light, which means that they miss two hours of lessons every day. "They urgently need psychological care," says Nasser quietly, he didn’t know where to start when
we asked him what he needed the most. They had psychological care, for a short while, the psychologist diagnosed that they remained mentally in the state in which they were when their mother died. When a few days ago the bombs fell, one of them near the house, the children screamingly woke up their father.
They need the continuous care of their father, but that is not the only thing that prevents him from earning money. Nasser can’t farm his land any more, it was too often flattened, it is situated mainly in the inaccessible buffer zone, and he lacks the resources to be able to start farming the rest of his land. He doesn’t have the money for seeds to plant something. "I would love to plant eggplants again, cabbage and watermelons. Also sheep would be a big help. But my water system is completely destroyed from the bombs, and I lack the money to rebuild it."
"I am an old man," Nasser Abu Said says, 37 years old, "to me it is no longer important, but what about my children? Don’t they have the right to life, the right to grow up in safety and with some joy?"
“From now on, my children depend on you,” this sentence stays in your mind. And so I do what is in my power. I write about it. Nasser's misery concerns all of us. This wasn’t fate, that wasn’t a natural disaster. A few years ago, Nema and Nasser Abu Said were a happy and content family.


 by VERA MACHT

BESUCH BEI NASSER von VERA MACHT 21.2.11

Es ist stürmisch, der Wind peitscht durch die Bäume, und vereinzelte Regentropfen schlagen uns ins Gesicht, als wir den matschigen Feldweg hinunter zu Nassers Haus gehen. Es sind einige hundert Meter von den paar Häusern um den Friedhof herum, die das Dorf Juhor al-Dik bilden, bis zu seinem kleinen Häuschen nahe der Grenze. „Auf Wiedersehen“, hatte uns der Fahrer, der uns aus diesem entlegenen Gebiet wieder abholen wird beim Abschied zugerufen, und mit Blick auf den von uns eingeschlagenen Weg lachend hinzugefügt: „Inshaallah – so Gott will“.
Doch selbst unter diesen Umständen, und selbst bei diesem Wetter kommt man nicht umhin zu bemerken, wie schön diese Gegend einmal gewesen sein muss und eigentlich trotz allem noch immer ist. Während sonst fast jeder Ort Gazas laut und überfüllt ist, ist hier freies Land und wohltuende Stille. Es stehen noch ein paar Olivenbäume, die von den zahlreichen Panzerinvasionen übrig geblieben sind, ein paar kleinere wurden mutig neu gepflanzt. Dazwischen wächst das jetzt im Winter saftig grüne Gras der Wiesen. Jedenfalls dort, wo es nicht erneut von israelischen Bulldozern umgepflügt wurde. Und gerade als wir darüber reden, wie friedlich dieser Ort eigentlich ist, wird uns jäh bewusst, dass diese Ruhe trügerisch ist. Auf der anderen Seite der Stacheldrahtgrenze taucht auf einmal ein Jeep des israelischen Militärs auf. Er bleibt stehen, als er uns sieht. Meine beiden Kolleginnen und ich werfen uns besorgte Blicke zu, wortlos öffnen wir unsere Haare und fangen an, unauffällig vor unserem palästinensischen Übersetzer zu laufen. Was ist das für eine Welt, in der blonde Haare lebensrettend sind?
Der Jeep fährt weiter. Wir atmen auf und können nicht einmal erahnen, wie es ist, die eigenen Kinder tagtäglich in dieser Gefahr zu wissen. 
Nasser freut sich, als er uns sieht. Er hat einen guten Tag. Wir haben ihn zuvor mit einer lokalen Mitarbeiterin von ‚Save the Children Palestine‘ besucht, die psychologische Betreuung seiner Kinder wird schon morgen anfangen. Die Mitarbeiterin diagnostizierte ein starkes Trauma bei den Kindern, sie haben ihre Mutter verbluten sehen. Verstärkt wurde das durch die unsicheren Lebensumstände. In ihrem Bericht wurde außerdem festgehalten, dass “die Familie unter starker Armut leidet, die einen Mangel an Nahrung, medizinischer Versorgung, Kleidung und Decken hervorgerufen hat”.
Zwei Termine haben wir für Nasser mit UNRWA organisiert. Beim ersten wurde er nach langer Anfahrt weggeschickt, ohne dass jemand mit ihm gesprochen hätte, beim zweiten wurde ihm lediglich gesagt, ein Mitarbeiter von UNRWA würde ihm einen Besuch abstatten. Dieser kam allerdings gar nicht bis zum Haus – die Koordination mit der israelischen Seite schlug fehl.
Nasser führt uns auf sein Dach und zeigt uns die neusten Einschusslöcher. An den Stellen, an denen die Wand aus Beton ist, sieht man die Kugeln stecken, durch weichere Stellen des Hauses sind sie hindurchgetreten. Doch alle zur Grenze gerichteten Wände sehen aus wie Schweizer Käse, und überall sieht man die kleinen Nägel der Flechettebomben herausragen.
Nasser kann nicht einfach von hier wegziehen. Sobald er sein Haus leer stehen lässt und wegzieht, wird es mitsamt seinem Land von israelischen Bulldozern plattgewalzt werden. Das würde für ihn bedeuten, nie wieder auf eigenen Beinen stehen zu können, er lebt von der Bewirtschaftung dieses Fleckens Erde.  Das weiter weg gelegene Flüchtlingslager kommt somit als neues Zuhause nicht in Frage. Und wie soll er in das kleine Dörfchen ziehen, in dem die Kinder direkt neben dem Friedhof, auf dem ihre Mutter begraben ist, wohnen würden?
 Die Lösung wäre ein neues kleines Häuschen, dort wo jetzt sein Zelt steht. Doch das ist teuer und die Chance, dass eine Organisation die Kosten übernehmen wird, ist sehr gering. „Die Wand zur Grenze, die wird auf jeden Fall aus doppeltem Zement sein“, sagt Nasser, der diesen Traum nicht aufgeben will und schenkt uns eins seiner seltenen Lächeln.
Denn trotz allem hat Nasser heute einen guten Tag. Seine Kinder werden bald die dringend benötigte Therapie bekommen. Und von dem ersten Spendengeld, das uns und damit auch ihn erreicht hat, hat er Strom zu seinem Zelt verlegt. Darauf, dass an einem Ort wie diesem für verängstigte Kinder Licht in der Nacht wichtiger ist, wenn Schüsse fallen, als ein paar Decken mehr, darauf sind wir gar nicht gekommen. Wir können nicht annähernd erahnen, wie es ist, als Kind in einer solchen Umgebung aufzuwachsen. Jeden Abend geht die Familie in das Zelt, sobald es dunkel wird.
Doch noch ist es hell, wir sitzen in seinem Haus und trinken Tee. Nasser erzählt uns, wie die Mitarbeiterin von „Safe the Children“ seinen ältesten Sohn gefragt hat, was er gerne werden möchte, wenn er mal groß sei. “Wofür soll ich denn groß werden”, hat Alaa, 10 Jahre alt, geantwortet. “Meine Mutter ist nicht mehr hier. Ich will nur meine Mutter wieder sehen.”
Dann hört Nasser auf zu erzählen. Er springt schon wieder auf, seine Kinder sind draußen. Er rennt zur Tür, wie jedes Mal, wenn er etwas Verdächtiges hört, einen Knall zum Beispiel. Wer weiß, ob das nur der Wind war? Oder vielleicht hat auch eins seiner Kinder nach ihm gerufen?
Der Wind wird stärker. Er zieht in das undichte Haus, wir frösteln in unseren Jacken. Und fragen Nasser, der wieder da ist, ob es eine Hilfe wäre, wenn wir ein paar Nächte in der Nähe übernachten würden. “Nein, nein”, antwortet er leise. “Das ist zu gefährlich für euch. Die Soldaten kommen manchmal bis zu unserem Haus. Wenn sie euch sehen, würden sie euch verhaften.”
Also gehen wir den schmalen Feldweg zurück, der an seinem Zelt vorbeiführt. Es wird langsam dunkel, auch Nasser und seine Kinder können nicht mehr lange im Haus bleiben. Die Zeltplanen flattern im Wind, man sieht die zwei dünnen Matratzen auf dem Boden liegen. An der hölzernen Wand der direkt daneben provisorisch eingerichteten Toilette hängt eine nagelneue weiße Glühbirne.

 von VERA MACHT

ASHRAF von VERA MACHT 21.2.11


Ashraf Abdellatif Igtifan wurde 1980 in Gaza Stadt geboren. Er wuchs auf inmitten von fünf Brüdern, zwei Schwestern, und alltäglicher Gewalt. Als Ashraf elf Jahre alt war, warf sein 14-jähriger Bruder Rami, der auf seinem leicht vergilbten Foto frech und aufgeweckt in die Kamera lächelt, einen Stein auf einen israelischen Soldaten, Gaza war von Israel besetzt. Als ein daneben stehender Soldat dies sah, nahm er seine Waffe und schoss Rami zwischen die Augen, die Kugel blieb im Gehirn stecken. Der hirntote Junge wurde nach Israel gebracht, die Familie bekam ihn aufgeschnitten zurück, sämtliche Organe, sogar die Augen, fehlten. Die Eltern gingen vor Gericht und gewannen. Der Soldat, der Rami erschossen hatte, wurde wegen Totschlags an einem Kind zu 15 Tagen Gefängnis verurteilt. Ja, Tagen. Er wurde zudem um zwei Dienstgrade hinuntergestuft.
Doch Ashraf träumte trotz allem von einem besseren Leben in Israel. Als er 19 Jahre alt war und Gaza noch kein Gefängnis, gelang ihm die Flucht. Er ging nach Tel Aviv und fing an, dort als Tellerwäscher zu arbeiten. Sein Gehalt mag nicht hoch gewesen sein, aber es reichte aus, um seine gesamte Familie in Gaza ausreichend zu versorgen, nachdem durch die Blockade keiner von ihnen mehr Arbeit hatte. 12 Jahre lang lebte und arbeitete Ashraf in Tel Aviv.
Vor fünf Monaten geschah dann das Schreckliche, dem er all die Jahre entkommen war. Er wurde von der Polizei angehalten, und durch einen Blick in seinen Ausweis stellten sie fest, dass er aus Gaza war. Kurz darauf war Ashraf zurück in seiner Heimatstadt. Doch die Freude des Wiedersehens währte nur sehr kurz. Ashraf fand seine Familie in ärmlichen Verhältnissen vor, und nun kam überhaupt kein Geld mehr von draußen, keiner hatte mehr Arbeit. Er fing an, zwei junge Männer aus dem Familienkreis, Jihad Fathi Khalaf, 21, und Tal'at Ar-Ruwagh, 25, beim Steine zu sammeln zu begleiten, damit wenigstens etwas Geld hinein kam. Sie gingen täglich in das Gebiet einer ehemaligen israelischen Siedlung, im Norden Gazas, unweit von der Grenze zu Israel.
Doch das fehlende Geld und die damit verbundene Sorge, sich nicht mehr um seine Familie kümmern zu können, war nicht das einzige, was Ashraf verzweifeln ließ. Jeden Tag sah er hinüber in das Land, das für viele Jahre seine Heimat gewesen war, in dem seine Arbeit war, seine Wohnung, seine Freunde, sein Leben. „Nein, Ashraf war nicht verheiratet”, sagt sein Vater, „das wäre nicht gegangen. Ich hätte der Heirat zustimmen müssen, und die ganze Familie muss doch bei dem Fest anwesend sein.” Er hatte angefangen, eine Heirat für seinen Sohn zu planen, ihm mögliche Partnerinnen vorgeschlagen. Doch jedes Mal lehnte Ashraf mit einer Ausrede ab, oder wechselte das Thema. Vielleicht war er nach so vielen Jahren doch etwas von der Tradition abgewichen. Vielleicht wartete entgegen Vaters fester Überzeugung doch eine Freundin auf ihn in Israel, wer weiß, vielleicht hatte er sogar eine Familie dort.
Und so wuchs in ihm ein Plan, der aus einer Mischung aus Dummheit und Naivität bestand, so dass man ihn und seine beiden Freunde, mit denen er Steine sammelte, am liebsten schütteln würde, wenn sie diese Dummheit nicht schon mit dem Leben bezahlt hätten.
Man kann sich Ashraf richtig vorstellen, wie er den beiden von dem besseren Leben in Israel vorschwärmte, von den Chancen und der Freiheit, die sie dort hätten. Und die beiden, die es doch besser hätten wissen müssen, die tagtäglich mit der Gewalt des israelischen Militärs in der Pufferzone konfrontiert waren, glaubten auf einmal, das Gebiet gut genug zu kennen, um eine Möglichkeit zu sehen. Die beiden jungen Männer hätten es doch besser wissen müssen. Sie alle hätten es doch besser wissen müssen.
„Vielleicht dachte er, dass die Soldaten an der Grenze so wären, wie die Menschen mit denen er in Tel Aviv gearbeitet hat. Vielleicht dachte er, dass sie ihn nicht gleich erschießen würden”, meint sein Vater leise.
Was auch immer Ashraf gedacht hat, er wollte unbedingt zurück. In der Nacht zum 17. Februar 2011 machten er und seine beiden neuen Freunde sich auf den Weg zur Grenze.
Glaubten sie wirklich daran, dass das gut gehen würde? Ashraf war vielleicht noch nicht ganz klar geworden, dass Gaza sich während der langen Jahre seiner Abwesenheit in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt hatte. Sie hatten die Grenze noch nicht einmal erreicht, als sie beschossen wurden – von einem nahe gelegenen Kriegsschiff auf dem Wasser, von einer Drohne aus der Luft und einem Panzer an der Grenze. Ashrafs halber Kopf fehlte, als die drei Körper vier Stunden später, gegen sechs Uhr früh, geborgen werden konnten. Keinerlei Waffen wurden gefunden, weder bei den Körpern noch in der näheren Umgebung.
„Ich weiß nicht, ob er irgendjemandem von seinen Freunden in Israel von seinem Plan erzählt hat”, meint sein Vater. „Er hat nicht einmal mir gesagt, dass er es in dieser Nacht versuchen würde.” In der Erklärung des israelischen Militärs hieß es, es wurde „ein Terroranschlag verhindert”, die Männer wären dabei erwischt worden, „Sprengstoff an der Grenze zu deponieren”. Und so stand die Geschichte wohl in den israelischen Medien. Hat Ashraf seinen Freunden von seinem Plan erzählt? Haben sie die Nachrichten gelesen? Wissen sie, dass er tot ist, dass israelische Soldaten keinen „Terroranschlag verhindert”, sondern ihren Freund getötet haben, der zurück kommen wollte? Ashraf, sagt euch der Name etwas, ihr Bewohner Tel Avivs? War er vielleicht euer Angestellter, oder der Mann der die Teller in eurem Stammrestaurant gewaschen hat, vielleicht habt ihr ihn beim Hinausgehen gesehen? War er euer Freund, Partner, vielleicht sogar Vater? Der Mann der im Bus neben euch saß, mit dem ihr in einer langen Schlange an der Supermarktkasse ins Gespräch kamt? Er ist tot. Habt ihr an ihn gedacht, als ihr die Nachricht von dem glücklich verhinderten Anschlag der Terroristen last? Von drei weiteren Toten auf dem langen Weg zur ausreichenden Sicherheit? Ashraf war auf dem Weg nach Hause.
 von VERA MACHT
 
Vera Macht
 lebt und arbeitet seit April 2010 in Gaza. Sie ist Friedensaktivistin und berichtet über den täglichen Überlebenskampf der Menschen im Gazastreifen. Kontakt:gaza@riseup.net

WEIHNACHTEN IN GAZA von VERA MACHT 25.12.10

Dies sollte ein Artikel über Weihnachten in Gaza werden, ein Artikel über den Irrsinn des Lebens in Gaza, der auch vor Heilig Abend nicht halt macht, warum sollte er auch. Es ist ein Tag in Gazas Terror wie jeder andere. Ein Zeitungsartikel sollte es werden, nur konnte ich ihn nicht schreiben. Ich saß vor meinem Laptop und konnte nicht schreiben und wusste nicht warum. Bis mir klar wurde, dass ich es deshalb nicht kann, weil ich in einem Zeitungsartikel nur die Fakten auflisten würde, sachlich, nüchtern und objektiv. In einem Zeitungsartikel kommt ein 'ich' nicht vor. Da wäre kein Platz für meine Verzweiflung, meine Hilf- und Machtlosigkeit, die ich vielleicht, und das hat den Tag doch anders gemacht, an Weihnachten ganz besonders fühle. In einem Zeitungsartikel wäre kein Platz für meine Besorgnis angesichts der spürbar eskalierenden Situation, der Vielzahl der Bomben in den letzten Nächten, dem Lärm der Kampfflugzeuge und Apache über mir. Ein neuer Krieg, das ist undenkbar. Die Menschen hier haben den letzten noch kaum verarbeitet, den Verlust ihrer Angehörigen, die Wunden sind noch kaum verheilt, weder die physischen noch die psychischen. Ein neuer Krieg, nein, das ist undenkbar.
In einem Zeitungsartikel würde ich auch nüchtern die Zahl der Steinesammler und Bauern auflisten, die im letzten Monat angeschossen wurden, 32 waren es. 88 seit März diesen Jahres, 9 Menschen starben. Unter ihnen waren auch viele Kinder und Jugendliche. Oft wurden sogenannte Dumdum-Kugeln benutzt, die im Inneren des Körpers explodieren und so einen größtmöglichen Schaden hinterlassen. Sie zerschmettern die Knochen, sodass Getroffene oft für Monate nicht laufen können. Laut Genfer Konvention verboten.
All diese Menschen wurden im Grenzgebiet zu Israel angeschossen, Sperrgebiet nennt es das israelische Militär, ihr zu Hause nennen es die Menschen, die dort leben, deren Häuser und Felder dort sind, in den drei- bis fünfhundert Metern hinter der israelischen Grenze, wobei die Gefahrenzone sich in Wirklichkeit auf eineinhalb Kilometer erstreckt. 32 Menschen in einem Monat, die in diesem Gebiet Steine sammeln, die später zu Zement verarbeitet werden (die Einfuhr von Zement ist unter der israelischen Blockade seit 2007 verboten), oder die dort als Bauern arbeiten, ernten, oder Schafe hüten. Diese Menschen arbeiten dort, weil sie keine andere Wahl haben, weil sie ihre Familien nicht anders ernähren können, weil sie keine andere Arbeit finden, in der desaströsen Wirtschaftslage Gazas, wo die Arbeitslosenquote seit der Blockade bei über 45% liegt. Also arbeiten sie dort, und werden von israelischen Soldaten, die in ihren Wachtürmen entlang der Mauer sitzen, niedergeschossen wie Tiere. Vielleicht weil es langweilig ist, dort den ganzen Tag zu sitzen, oder vielleicht auch weil es ein bisschen wie Playstation spielen ist, man sitzt dort und zielt, und hunderte Meter weiter fällt jemand um. Aber das würde ich nie schreiben, in einem Zeitungsartikel, ich würde schreiben, dass die israelischen Soldaten potentielle Terroristen abwehren müssen, dass selbst ein Schäfer inmitten seiner Schafe, der dort jeden Tag ist, unglücklicherweise wahrscheinlich für einen Terroristen gehalten wurde. Und wenn ich nur die Zahl schreiben würde, 32 angeschossene Arbeiter in einem Monat, dann würde dies nichts über mein steigendes Gefühl der Hilflosigkeit sagen, meine Ohnmacht angesichts dieser Situation. Denn ich habe sie kennen gelernt, all diese 32 Menschen, in diesem einen Monat. Sie sind weit mehr als eine Zahl, eine Statistik, für mich. Denn jedes Mal wenn jemand angeschossen wird, dann fahre ich zum Krankenhaus, wie fast jeden Tag, mache Fotos und schreibe darüber, wie fast jeden Tag, und sehe die Menschen mit ihren zertrümmerten Beinen, in ihrem Blut und ihren Schmerzen, wie fast jeden Tag, und frage sie, was sie machen wollen, wenn, oder falls, sie wieder laufen können, nach Monaten. Und sie sagen, wir gehen zurück zu unserer Arbeit natürlich, wie jeden Tag, wir haben doch keine andere Wahl.
Ein Mädchen, dessen Schule im Grenzgebiet liegt, und der auf ihrem Schulweg ihr Knie von einer israelischen Kugel zertrümmert wurde, schaute mich an und sagte, du schreibst jetzt darüber, und dann hört das auf, ja? Dann haben wir hier keine Probleme mehr? Manchmal tue ich in solchen Situationen einfach so, als würde ich kein arabisch verstehen, und schaue zu Boden, weil ich nicht weiß was ich sagen soll. Aber ich verstehe es sehr wohl, nur eine Antwort habe ich keine. Und so schreibe ich und schreibe, Pressemitteilungen und Artikel, und denke, wenn es etwas Gutes in dieser Welt gibt, und nur genügend Menschen davon wissen, dann wird das aufhören. Aufhören müssen. Doch als ich am 23.12. zum Krankenhaus kam, wie fast jeden Tag, da war ich ein paar Minuten zu spät. Der Schäfer Salama Abu Hashish, war 20 Jahre alt, und hütete gerade seine Schafe und Ziegen in Beit Lahya, in Nordgaza, als er ohne Warnschuss von einem israelischen Soldaten niedergeschossen wurde. Die Kugel traf ihn im Rücken und ging mitten durch eine seiner Nieren. Er wurde operiert und kam auf die Intensivstation, doch er erlag seiner Verletzung, um 17.30 Uhr, kurz bevor ich eintraf. Er war nur einer von vier Menschen die an diesem Tage angeschossen wurden, doch für ihn endete es tödlich. Und so begann mein Heiligabend, mein Weihnachten in Gaza, mit einer Beerdigung. Salamas Sohn Ghassan war zu diesem Zeitpunkt zwei Tage alt, Salama hat ihn nie gesehen. Ghassan wird ohne ihn aufwachsen. Ob das nicht verboten ist, wurde ich von seiner Familie gefragt. Sowas muss doch verboten sein. Oh ja, das ist es. Und so schreibe ich weiter, in allen Sprachen die ich spreche, in der Hoffnung, dass es so etwas wie Gerechtigkeit doch gibt.
Und noch während ich bei der Familie bin höre ich den nächsten Schuss.
Am Ende dieses Tages schließlich, in der Nacht des Heiligen Abends, fliegen die F-16. Vier Bomben fallen, zwei Menschen werden verletzt. Eine der Bomben trifft ein Elektrizitätskraftwerk, den Rest der Nacht liegt Gaza im Dunkeln.
Manchmal, vielleicht gerade an Weihnachten, am Fest des Friedens und der Liebe, an einem Ort voller Gewalt und Blut, da fehlt mir die sachliche Nüchternheit. Und vielleicht, an einem Tag wie Weihnachten, da darf man verzweifelt sein.